Im März 1995 war der inoffizielle Startschuss für Blue Rose. Wir waren erstmals in Austin, Texas, um beim South-By-Southwest-Festvial, kurz SXSW genannt, nach Bands für das zukünftige Roots-Label zu suchen. So blauäugig wie wir damals waren konnte es eigentlich nur funktionieren. Dabei hatten wir noch nicht einmal einen Namen für das zukünftige Rootsrock-Label, und von den meisten wurden wir nur milde belächelt - wenn überhaupt beachtet. Die Geschichte zeigt, was letztlich daraus wurde.
Zum 13. Mal gehts nun also rüber auf Entdeckungsreise, Labels treffen, Manager, Künstler, das heißt von morgens 9 Uhr bis morgens um 3 Uhr auf den Beinen sein.

SXSW - das heißt auch ca 1.400 (!) Künstler/Bands in ca. 60 Clubs an 4 Tagen, darunter so ziemlich alles, was in unserem Metier Rang und Namen hat. Mein Notizblatt umfasst derzeit schon wieder so viele Namen, dass ich bereits jetzt weiß, dass nicht alle zu schaffen sein werden. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf unseren Künstlern, darunter Rickie Lee Jones, The Drams, Jon Dee Graham, Scrappy Jud Newcomb, Patty Hurst Shifter oder The Silos, aber auch Bands/Künstler wie The Stooges, Ray Wylie Hubbard, Blackie & the Rodeo Kings, David Olney, Alejandro Escovedo, Sparklehorse, Bob Mould, Hoodoo Gurus, Buffalo Tom, Ron Sexsmith, Kelly Willis, Peter Holsapple & Chris Stamey, Robyn Hitchcock, Lucero, Michelle Shocked, Steve Earle, Graham Parker, Peter Case oder die Waco Brothers, um nur einige wenige zu nennen.

Ihr könnt auch diesmal wieder dabei sein - sofern ihr einen PC und Internet-Zugang habt. Ich habe mir nämlich vorgenommen, von den Highlights tagtäglich zu berichten, was so abgeht in den SXSW-Tagen. Der Laptop ist mit den notwendigen Programmen gefüttert, per Digitalkamera werden wir auch Fotos liefern können, außerdem werde ich versuchen, wenn möglich Videos mitzuschneiden und alles schnellstmöglich "upzuloaden". Also Daumen drücken, dass alles so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Ab 14. März gehts los, ein Besuch unserer Website lohnt sich also mehr denn je.

Habe ich euch bereits heiß gemacht? Gut, dann steigt mit mir ein in das Abenteuer SXSW 2007. Es wird sich lohnen. Auch für euch!


Schöne Grüße,
Edgar Heckmann




Montag, 12.3.

Der Montag gehört noch nicht zum SXSW-Programm, es geht erst mittwochs los. Aber das soll nicht heißen, dass es montags keine Musik gibt. Austin ohne Live-Musik - unmöglich. Ein Blick in den örtlichen Austin Chronicle lässt uns aufblicken: in einem uns bisher vollkommen unbekannten Club namens "Scoot Inn" (für Kenner: 1308 E. 4st, also jenseits des Interstate 35) sollte CALVIN RUSSELL auftreten. Also nichts wie hin! Um halb neun angekommen, waren wir doch ziemlich enttäuscht über die Location - ein etwas größerer Holzverschlag, eine ziemlich schmucklose Theke, ein Billard-Tisch und ein paar Tische und Stühle. Keine Bühne! Ein Mensch baut gerade sein Schlagzeug auf dem Boden auf - zumindest wissen wir, wo die Musik spielen wird. Das kann aber noch dauern, also erst mal etwas zum Trinken holen. Natürlich unser bevorzugtes Bier, das Shiner Bock. Gleich der nächste Downer: Shiner Bock führt dieses Lokal nicht. Einen größeren Minuspunkt kann eine Musikkneipe in Austin nicht bekommen. Egal, wir ordern was anderes und setzen uns an den besten Tisch - nicht schwierig, denn es waren nur so etwa 10 Personen anwesend. So gegen 21.15 Uhr ging es los mit 3 Solo-Interpreten, von denen wir uns nicht die Namen gemerkt haben. So gegen 23 Uhr dann kam Bewegung in den Laden - Calvin Russell und seine 5 Mann (!) starke Band baute auf. Keinerlei Soundcheck, das passt auch so. Dann ging es los - 3 Gitarren, Schifferklavier, Bass und Schlagzeug - und schon noch wenigen Sekunden wussten wir, dass sich das Warten gelohnt hat. Kraftvoll legte Calvin Russell los und ließ die Herzen der Gtarrenrock-Freunde höher schlagen. Der Laden hatte sich jetzt doch ziemlich gefüllt, was heißen soll, dass so um die 50 Besucher die Songs wie "Wild Wild West", "One Meatball" oder "Change the Weather" lautstark beklatschten. 40 Minuten etwa dauerte der Set, der vollkommen konträr zu der Location war und uns rundum begeisterte. Auf unsere Frage, wie es mit einem neuen Album aussieht, antwortete uns Calvin, dass er an einem neuen Werk arbeitet, außerdem hat er etwas von einem Film gesprochen, konnte bzw. durfte aber keine Einzelheiten nennen.

Viertel vor Zwölf - noch schnell in den "Saxon Pub" gefahren, wo die SILOS spielen würden. Da war gerade der Wechsel und das Trio baute ihre Backline auf. War der Club zu Beginn der Show noch ganz gut gefüllt, so verließen zu fortschreitender Uhrzeit immer mehr Besucher den Pub, und auch wir machten uns um 1:15 Uhr auf den Weg ins Hotel. Für den ersten Tag hat das gereicht.


Dienstag, 13.3.

Der Dienstag Abend ist grundsätzlich für den "Swollen Circus" im kultigen "Hole in the Wall"-Club verplant, da kann kommen was wolle. Als Michael Hall und Walter Salas-Humara vor vielen Jahren mit dieser Veranstaltung begonnen hatten, da hatten sie kaum Konkurrenz zu befürchten, doch von Jahr zu Jahr sind bereits viele Künstler und Bands dienstags in die Stadt gekommen, und immer mehr Clubs bieten Shows an. Doch die Auswahl der auftretenden Künstler und die Regel, dass jeder nur 3 Songs spielen darf, garantiert in jedem Jahr ein volles Haus. So war es auch heuer, wo so viele "Acts" wie nie zuvor auf der Liste standen. Daher ging es bereits um 20.30 Uhr los mit einem deutschen Künstler: MARKUS RILL sang zwei Stücke aus seinem letzten Album sowie einen Song vom vor wenigen Tagen in Nashville aufgenommenen neuesten Werk. Er machte seine Sache ausgezeichnet, und nicht wenige Zuschauer wunderten sich, dass ein Musiker aus Deutschland solch grundamerikanische Musik machen kann.
Danach folgte eine meiner Lieblingscombos der 90er Jahre - DUMPTRUCK. Ohne Kevin Salem, aber mit Seth Tiven und Kirk Swan, ließen sie ein Gitarrengewitter hernieder, dass manche Ohren nach Ohropax riefen. Aber Rockmusik muss laut sein, und fetziger Gitarrenrock erst recht! Wir haben ein Video des Auftritts zusammengestellt:



Es folgten im eingangs erwähnten 3-Songs-Takt Bands wie die GORE GORE GIRLS, die für mich mehr durch ihr Auftreten/Aussehen als durch ihr musikalisches Wirken in Erinnerung bleiben werden. Das US-Label Bloodshot Records jedenfalls ist begeistert und hat die Punk(!)-Band unter Vertrag genommen. Was werden wohl die Fans dieses eigentlich auch auf "Insurgent" Country spezialierten Labels dazu sagen? Stellt ech mal vor, Blue Rose würde auf Punk machen? Hmm - anderes Thema...

THE TEENAGE PRAYERS came up next. Steve Wynn hatte uns die Band empfohlen - er hat das aktuelle Album des Quartetts produziert. Ziemlich deftiger und schneller Gitarrenrock, wobei ich mir erst ein abschließendes Urteil bilden möchte, wenn ich das Album gehört habe. MICHAEL ZAPRUDER spielte mal bei der Blue Rose-Band Naked Barbies. Das ist aber auch alles, was mir dazu einfällt.

Im Gegensatz zu MICHAEL HALL. Er hat von mir eine lebenslange Garantie erhalten, auf Blue Rose Platten veröffentlichen zu können, auch wenn die Verkäufe leider immer mehr nachlassen. Was ich absolut nicht verstehen kann, denn der Mann schreibt großartige Songs und bringt sie live verdammt gut rüber. Wie meist gehört sein Auftritt beim Swollen Circus mit zum Besten des Abends. So auch diesmal - unterstützt von u.a. Scrappy Jud Newcomb und Walter Salas-Humara am Schlageug (!), ließ er es wieder einmal mächtig krachen. Wir haben den Titelsong seines jüngsten Albums The Song He Was Listening To When He Died als Video zubereitet:



Scrappy blieb dann auch gleich auf der Bühne. Zusammen mit seinem Resentments-Kollegen BRUCE HUGHES und einem befreundeten Drummer rockte er durch "Something Real (Gettin' Down)" aus seinem Blue Rose-Album Byzantine. Resentments-Fans, die SCRAPPY JUD NEWCOMB nur im Stuhl sitzend und mit der akustischen Gitarre musizierend kennen, reiben sich verwundert die Augen, wenn der hochgewachsene Mann stehend zur Elektrischen greift und auf Rocker macht. Das kann er gut! Und nicht nur das - er ist ein extrem vielseitiger und großartiger Musiker, der auch mal schnell als Gitarrist einspringt und ein 2 Stunden-Programm mitmacht, ohne auch nur einen Song jemals gehört zu haben, geschweige denn gespielt.



Wie Michael Hall haben auch THE SILOS einen festen Platz im Swollen Circus-Programm. Soeben hat die Band ihr letztes Studioalbum Come On Like The Fast Lane, das bei uns schon im April 2006 erschienen war, bei Bloodshot Records (siehe Gore Gore Girls!) untergebracht. Verstärkt wurde das Trio an dem Abend durch keinen geringeren als CHUCK PROPHET, der genauso schnell wieder verschwand wie er aufgetaucht war.


Eine weitere Augenweide, diesmal aber auch musikalisch (siehe Gore Gore Girls!) ist CARRIE RODRIGUEZ, die auf einer CD mit Chip Taylor ("Wild Thing", "Angel Of the Morning") bekannt wurde und sich mittlerweile freigeschwommen und eine erfolgreiche Solokarriere gestartet hat. Wir hoffen, ihre Plattenfirma sieht es gelassen, dass wir mit einem Video zu "Never Gonna Be Your Bride" aus ihrem jüngsten Album Seven Angels on a Bicycle etwas Promotion für die talentierte Dame machen...


Gegen Ende der Veranstaltung wurde es dann nochmals so richtig laut und knackig, als PATTY HURST SHIFTER die Bühne betraten und ihren Teil zum Gelingen des Abends beitrugen.



Danach - es war bereits gegen 0:30 Uhr - leerte sich der bis zu diesem Zeitpunkt proppenvolle Club schlagartig. Schade für EMILY ZUZIK, einer interessanten Singer/Songwriterin aus New York City. Als kleinen "Trost" haben wir als Abschluss dieses Abends ein Video des Songs "Breaking It Down".




Mittwoch, 14.3.

 
James McMurtry
Der erste offizielle Tag der "SXSW Music Conference" mit offiziellen Abendshows in unzähligen Clubs der Stadt. Aber in vielen der Clubs finden schon zur Mittagszeit "day parties" statt, die in den letzten Jahren immer umfangreicher wurden und man den Überblick verliert, wenn man sich keinen Plan zurecht legt. Die "Guitartown Party" im Irish Pub "Mother Egan's" gehört zu den bekanntesten Parties, und das Line-Up ist wie immer sehr vielseitig.
 
Brent Best und Jess Barr (The Drams)
So spielten von 11:30 Uhr bis nach Mitternacht (!) Acts wie RANDY WEEKS, ED PETTERSEN, MICHELLE SHOCKED, SCRAPPY JUD NEWCOMB, WALTER TRAGERT, DAVID OLNEY, JON DEE GRAHAM, PAM TILLIS, JAMES McMURTRY, UNCLE MONK, THE SILOS (mit Jon Dee Graham!), THE SUMMER WARDROBE, PATTY HURST SHIFTER, PETER CASE, TWO COW GARAGE oder THE DRAMS.

Gegenüber befindet sich das "Opal Divine Freehouse", wo bis vor 3 Jahren die "Guitartown Party" stattgefunden hatte aber dann einfach zu klein für diese Veranstaltung geworden ist. Auch hier geht natürlich ab der Mittagszeit die Musik ab, und ich hatte mir den Auftritt einer Band ganz dick angekreuzt. Schon im Vorjahr hatten uns WRINKLE NECK MULES aus Richmond, Virginia, begeistert, und ihr Album Pull The Brake fand nicht nur zahlreiche Abnehmer über unseren Mailorder, sondern es fand sich auch in diversen Hitlisten zum "Album des Jahres 2006" wieder. Die Band hat ein neues Werk aufgenommen und wir werden uns mit der Band treffen mit dem Ziel, das neue Album auf Blue Rose zu veröffentlichen. Weil die Musik einfach perfekt zu uns passt - lupenreiner Alt.Country im Uncle Tupelo-Stil. Den Song "Mecklenburg County" von Pull The Brake haben wir als Video:



Zuvor machten wir einen Abstecher zum "Yard Dog", wo im Hinterhof der Galerie ebenfalls eine Party stattfand, die meist bei Freibier und kostenlosem mexikanischen Essen über die Bühne gehen. HANGTOWN aus der Tampa Bay Area in Florida waren angesagt. Das Trio um Sänger/Gitarrist/Songwriter Ted Lukas war für den 30-Minuten-Auftritt als Quartett angereist und spielte u.a. auch Stücke von ihrer neuesten EP Gone Today Here Tomorrow, die von Eric "Roscoe" Ambel abgemischt worden war. Gut abgehangener Gitarrenrock mit Americana-Einflüssen, so könnte man den Stil (wieder einmal) umschreiben. Wir haben ein Video von "Tell Me Anything" aufgearbeitet:



Bei den Abendveranstaltungen bleibt der Auftritt einer kanadischen Band hervorzuheben, die im eigentlich völlig unzureichenden Irish Pub "BD Riley's" spielte. Eine extrem kleine Bühne, auf der einen Seite die Wand zur Straße, auf der anderen Seite ein bauchnabelhohes Geländer (die Amis wollen halt alle Möglichkeiten einer Klage - diesmal wegen Körperverletzung (es könnte ja jemand von der Bühne fallen) - ausschließen. Okay, das war ein Scherz, aber man darf sich schon fragen, was dieses Geländer soll. Der Gedanke, dass an dieser Stelle 4 Stunden später Patty Hurst Shifter spielen sollten, wollte mir gar nicht gefallen. Im vorliegenden Fall war aber zumindest die Location an sich genau die richtige für BLACKIE AND THE RODEO KINGS - im Nu brachten sie den Club mit ihrem "Acoustic Honky Tonk Country on Speed", wie ich das mal beschreiben würde, zum Kochen, wobei die meisten der Besucher wohl kanadische SXSW-Besucher waren. Die drei - Colin Linden sieht aus wie eine kleine Ausgabe von Bud Spencer, Tom Wilson könnte jederzeit als Artos in "Die drei Musketiere" mitspielen - haben zudem einen grandiosen mehrstimmigen Gesang, und ihr Erscheinen (alle drei tragen schwarze Jacken mit wunderschön kitschigen Stickereien, wie sie auch Dave Kincaid bei den Brandos hat) unterscheidet sie schon mal von allen anderen Bands. Vollkommen ausgelassen sind sie dann zum Ende ihres Sets, als sie von der Bühne runter gehen und sich unter die Menge mischen, obwohl eigentlich überhaupt kein Plätzchen mehr ist. Und die Kanadier grölen aus vollem Herzen mit - eine unglaubliche Stimmung.
Wer die Band mal sehen möchte, verstärkt durch einen Schlagzeuger, Bassisten und Keyboarder, der kann nächste Woche nach Bonn in die "Harmonie" fahren, wo der WDR ein weiteres "Crossroads"-Festival veranstaltet. In einigen Monaten wird dann sicher auch eine 45-Minunten-Sendung ausgestrahlt werden, für all diejenigen, die es nicht nach Bonn schaffen.


Donnerstag, 15.3.

Ein weiteres Mal lädt unser US-Partner New West Records seine Geschäftspartner und Freunde des Hauses zu einer kleinen Party im "Club de Ville" ein. Und pünktlich dazu kommt auch die Sonne raus, nachdem es zuvor 2 Tage geregnet hatte. Ein gut aufgelegter und wie immer großartiger BUDDY MILLER war neben TIM EASTON, RICKIE LEE JONES (trat mit "voller" Band auf und brachte die Songs von ihrem neuen Erfolgsalbum gut rockig rüber), JASON ISBELL von Drive-By Truckers (der gerade an einem Soloalbum arbeitet, das wohl im Juni erscheinen soll - über uns dann in Deutschland!) sowie THE DRAMS, die schon zu Slobberbone-Zeiten den "Rauswerfer"-Part übernommen haben. Feine Sache, die Party, wie immer, wobei man sich diesmal so locker wie kaum zuvor bewegen konnte und auch mal ein kleines Sitzplätzchen zum Plaudern mit internationalen Bekannten fand.
"A little country song" kündigte Buddy Miller an, den wir euch nicht vorenthalten möchten:



Abends dann fiel die Wahl auf Bob Mould als Einstieg, die Schlangen vor "Buffalo Billiards" waren allerdings so lang, dass diese Idee gleich wieder verworfen wurde. Hinterher erfuhren wir, dass er nur mit akustischer Gitarre aufgetreten war und es nicht so doll gewesen sein soll. Nicht ganz so doll fand ich auch den Auftritt von KELLY WILLIS mit Chuck Prophet an der Gitarre, der das neue Album der Künstlerin produziert. Lag vielleicht auch daran, dass direkt in meinem Blickfeld ein (von der Band angeheuerter) Kameramensch sein Stativ aufgebaut hatte und mir komplett die Sicht auf die Lady nahm.
Also weiter, die 6. Straße runter ins Convention Center in einen der "Ballrooms", die die Größe einer Stadthalle haben. Dieses Gebäude ist so riesig, dass man sich darin verlaufen kann. Zumindest laufen musste man lange Wege, um in den Ballroom zu gelangen, wo ALEJANDRO ESCOVEDO mit alten Kumpels ein Reunion-Konzert von BUICK McKANE gab. Diese Show hat nichts mit dem Alejandro Escovedo zu tun, wie wir ihn kennen: brutal lauter, schneller und aggressiver Gitarrenrock, der schon deftig an Hard Rock-Bands erinnert. Da fliegen die Fetzen bei 2 E-Gitarren und einem Schlagzeuger, der sich die Seele aus dem Leib prügelt. Mein lieber Scholli, das hat gesessen.



Freitag, 16.3.

Wenn das, was freitags bei "Joe's Cafe" über die Bühne geht, zur jährlichen Institution wird, dann muss man sich diese Stunde grundsätzlich freihalten: wie bereits im letzten Jahr trat TIFT MERRITT vor einem sehr gemischten Jung-und-Alt-Publikum auf, das zum Teil das Maderl nicht mal kannten und mitten im Set "what's your name" riefen, was Tift mit einem "my name is Tift and I grew up in Austin" beantwortete. Diese Vollblutmusikerin verbindet einfach alle positiven Tribute von Kolleginnen wie Lucinda Williams, Sheryl Crow oder Melissa Etheridge in einer Person, und zu ihrer musikalischen Begabung kommt dann noch ihr umwerfendes Aussehen dazu. Es war unglaublich, was sich vor der Bühne abspielte - so viele Fotografen hatte ich noch bei keinem Konzert gesehen. Tift lud aber auch ausdrücklich dazu ein, näher an die Bühne zu kommen, was wir uns nicht zweimal sagen ließen. Sie arbeitet gerade an einem Nachfolger zu Tambourine, und damit ihr alle wisst, was ich meine, wenn ich von der Lady in den höchsten Tönen schwärme, habe ich ein Video von dem Auftritt online gestellt.


Für den Abend hatte ich mir mächtig etwas vorgenommen. Zunächst in das "Parish", einem richtig guten Club auf der 6. Straße, im 1. Stock gelegen. Super Blick auf die große Bühne, egal wo man steht. Dazu eine klasse Anlage, die einen hervorragenden Sound abgibt. Unter den am Engang stehenden Besuchern der Show war auch ein ziemlich berühmtes Gesicht auszumachen - Joe Walsh von den Eagles! Wen er allerdings sehen wollte an diesem Abend, das erfuhren wir nicht.

 
Buffalo Tom
Eine kleine Sensation sollte sich um 21 Uhr abspielen, wenn die Originalbesetzung von BUFFALO TOM wieder aktiv werden sollte. Buffalo Tom, das ist natürlich in erster Linie Bill Janovitz. Von ihm hatten wir ja vor ca. 1 1/2 Jahren das Album Fireworks On TV! veröffentlicht, das aber nicht das widerspiegelt, was Janovitz mit seiner "Stammband" fabriziert. Denn das ist knallharter Gitarrenrock, Janovitz ständig auf 180 und seine Gitarre bearbeitend, Bass und Drums steuern dann ihren Teil zum typischen Buffalo Tom-Sound bei. Im Juni erscheint ein neues Album des Trios, das dann über Blue Rose erscheinen wird. Da freuen wir uns schon jetzt drauf!

Sind Buffalo Tom schon eine kleine Sensation, so ist die Tatsache, dass das neue Album von STEVE EARLE über Blue Rose erscheinen wird, sicher noch eine größere Überschrift wert! Wieder einmal ist unserem US-Partner New West Records ein dicker Fisch an die Angel gegangen, und nach dem erfolgreichen Release von Rickie Lee Jones bekommen wir die Chance, auch das neue Album der
 
Steve Earle
Kult-Figur des Roots-/Americana-Genres schlechthin in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu vermarkten, wenn es wohl im September erscheinen wird. Wir freuen uns über das Vertrauen, das New West in uns steckt und dass wir erfolgreich arbeiten, konnte man ja anhand des Chart-Entrys von Mrs. Jones sehen.
Im Vergleich zu Earle's Auftreten bei der letzten Band-Tour vor ca. 2 1/2 Jahren hat sich der Mann zwar äußerlich wieder einmal ziemlich verändert, seinem Stil ist er natürlich treu geblieben. Nur mit akustischer Gitarre und Mundharmonika "bewaffnet", geht er Punkt 23 Uhr auf die Bühne, nachdem zuvor THE DRAMS nochmals mächtig eingeheizt hatten. Live liegt die Band um Brent Best wesentlich näher an der alten Formation Slobberbone und ist nicht so "poppig", wie das auf dem Album Jubilee Dive rüber kommt. Steve Earle packt den bis auf den letzten Platz gefüllten Raum mit seinen zum Teil zynischen und politischen Texten, aber auch der "normale" Singer/Songwriter-Alltag wird nicht ausgelassen. Zum Abschluss des 45-Minuten-Auftritts kommt dann noch seine Ehefrau Allison Moorer auf die Bühne. Toller Abschluss eines grandiosen Solo-Konzerts.


 
Chris Stamey & Peter Holsapple
PETER HOLSAPPLE hatte ich seit knapp 7 Jahren nicht mehr gesehen. Im Juni 2000 waren die Continental Drifters letztmals in Deutschland auf Tour, danach folgten der 11.9., eine abgesagte Tour und der Abgang von Susan Cowsill und Russ Broussard. "Katrina" machte das Anwesen von Peter und seiner Familie dem Erdboden gleich, und es verschlug ihn nach Durham in North Carolina. Mit Hootie & the Blowfish ist er immer noch regelmäßig auf Reisen durch die USA, und wenn es die Zeit zu lässt, tut er sich mit seinem alten Kumpel CHRIS STAMEY von den dBs zusammen. Vor einigen Wochen gar hatten die dBs in New York vor ausverkauftem Haus gespielt! Mal sehen, ob da mehr draus wird. Zunächst aber bleiben wir bei Holsapple und Stamey, die eine gemeinsame Show im "Creekside @ the Hilton" spielten, einer extrem ruhigen Location mit Teppichboden, Stühlen und ganz wenigen Zuschauern, als ich gegen 0:05 Uhr den Raum betrat. Die beiden hatten bereits begonnen und spielten weitere 45 Minuten abwechselnd Songs aus gemeinsamen dBs-Zeiten, Solo-Sachen sowie einige neue Stücke, Peter auf der Akustischen und Chris auf der Elektrischen. Das war doch - schuld war zum Großteil die fortgeschrittene Zeit - ziemlich ermüdend, doch ich kämpfte mich durch und unterhielt mich nach der Show noch kurz mit Peter. Wir arbeiten zusammen an einer Continental Drifters-Box mit vielen unveröffentlichten Live-Songs sowie einer Live-DVD. Das kann aber noch dauern...

 
Jon Dee Graham
Auf dem 15-minütigen Rückweg zum Hotel wurde ich wieder wach und beschloss, noch eine kleine Autofahrt zum "Continental Club" zu machen, wo JON DEE GRAHAM seinen offiziellen SXSW-Showcase absolvierte. 1:15 Uhr - geht ja noch, also nichts wie rein. Gnadenloser Gitarrenlärm schlug mir entgegen. Wer Jon Dee nur als Resentments-Mitglied kennt, der traut seinen Ohren nicht, was da auf der Bühne abgeht. Klasse Band mit Michael Hartwick (Gitarre), Andrew Duplantis (Bass) und Resentments-Kollege John Chipman am Schlagzeug. Das hat eine enorme Power, da fliegt der Gitarrensound von Graham und Hartwick aus den Verstärkern direkt in dein Hirn, und sein aggressiver Gesang, gemischt mit allerlei ironischen und zynischen Bemerkungen zum Festival und anderen Ereignissen, setzte dem Auftritt die Krone auf. Das Publikum bekam dann auch noch etwas zu sehen, als eine Go Go-Tänzerin zunächst Getränke für die Musiker auf die Bühne brachte und dann dort tanzend noch einige Zeit verblieb. Songs wie "Full", "October", "Something Wonderful" oder "Volver" begeisterten das Publikum, obwohl ohne Ohrenschutz die Gehörgänge nach dem Konzert noch lange nachklingelten. Doch wie heißt es so schön: Rock'n'Roll muss laut sein."


Samstag, 17.3.

 
James McMurtry
Wo und mit wem der Vortag geendet hatte, begann auch der letzte offizielle SXSW-Tag: im "Continental Club" beim Mojo Nixon's jährlicher Party. Geauer gesagt sollte er beginnen, doch die Schlange vor dem Club ließ nichts Gutes ahnen. Ich wäre zu Jon Dee Graham wohl auch nicht reingekommen, wenn nicht zufällig Daren Hess, der Schlagzeuger von James McMurtry und Green On Red, vorbeigeschlendert wäre. Durch "Vitamin B" ging es dann doch noch rein, und ich nutzte die Gelegenheit, Backstage mich etwas mit JAMES McMURTRY zu unterhalten, der anschließend auftreten sollte. Musikalisch sind beide, Jon Dee und James, sowohl klanglich als auch künstlerisch auf gleich hohem Niveau, wo der McMurtry-Stil hingegen völlig anders ist. Seine Songs sind lang, teilweise sehr lang, denn seine Aussagen sind ausführlich. Wenn sie nur besser zu verstehen wären, denn so richtig auf macht McMurtry seinen Mund nicht. Alles wird quasi durch die Zähne gequetscht. Musikalisch ist James McMurtry so mit das Beste, was das Gitarrenrock-Genre derzeit zu bieten hst. Die Songs haben einen tierischen Drive, und seit auch der Roadie zur E-Gitarre greift und die Restless Bastards zum Trio geworden sind, da kommt der Live-Sound noch um einiges knackiger rüber.
Vom Titelsong seines jüngsten Albums Childish Things und dem neuen Stück The Land Of Milk And Honey haben wir Videos gedreht, die Seltenheit haben, denn bisher hatte McMurtry jedwede Aufnahmen seiner Konzerte abgelehnt geschweige denn erlaubt, sie ins Internet zu stellen. "Now you have an exclusive right", sagte er mir nach kurzem Zögern. "We appreciate it, James!"



 
Bow Thayer
Den kompletten Abend verbrachten wie in einem einzigen "Club", was eigentlich ein Restaurant ist, "Waterloo Icehouse" heißt und sich direkt neben dem "Warerloo Record Store" befindet, einem der besten Plattenläden der gesamten USA. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was in diesem Laden während der SXSW-Tage los ist. Davon träumen Plattenhändler - ständig voll mit Musikfans, ständige Schlangen an den Kassen, wobei die Kunden zum Teil 10 CDs und mehr kaufen - und das mehrmals, solange sie in Austin sind. Die Preise bewegen sich in der Regel zwischen 11,99 und 17,99 Dollar für eine aktuelle CD, wobei allerdings noch die Steuer von ca. 8,5 % hinzu kommt. Dank des günstigen Dollarkurses für Besucher aus Europa dennpch ein gutes Geschäft. Die Vinyl-Abteilung ist ein Eldorado für LP-Fans, super sortiert und bestückt mit echten Perlen. Aber ich schweife ab - das "Waterloo Icehouse" veranstaltet noch nicht sehr lange eigene Konzerte am Abend, auf jeden Fall nicht so viele wie in diesem Jahr. Immerhin 50 Bands spielten an 7 Tagen, und der Clou dabei: alle Konzerte waren bei freiem Eintritt, kein Wristband wird benötigt, nicht einmal eine Abendkasse. Dafür bekam der Gast wirklich erstklassige Musik geboten.
 
The Heathens
Es fing an mit BOW THAYER, einem jungen Typen aus Boston, Massachusetts. Was für eine Überraschung, als wir an der Gitarre Steve Mayone erkannten, der bei den letzten beiden Tourneen von Todd Thibaud den Bass gespielt hatte. Ihm blieb die Spucke weg, als er uns sah. Bow Thayer macht guten Alt.Country-Rock, schöne Songs, klasse Hooklines, klasse Arrangements. Ich werde mir die CD mal näher zu Gemüte führen...

Es folgte THE BAND OF HEATHENS, ein Quintett von großen, jungen Burschen, die erst zwei Tage zuvor bei den "Austin Music Awards" zur "Best New Band" gewählt worden waren. Der erste Song war 100% Eagles mit 4-stimmigem Harmony-Gesang, auch Venice kamen mir in den Sinn. Doch wer jetzt gedacht hatte, dass es in diesem Stile weitergehen würde, der sah sich getäuscht. Die Jungs haben eine Bandbreite von Acoustic Rock, Rock, Funk und Singer/Songwriter-Mucke. Von ihnen gibt es bisher wohl nur eine Live-CD, aufgenommen im Sommer 2006 im "Momo's", einem Club in Austin. Klar, wo sonst...

Anschließend kamen WRINKLE NECK MULES, die wir bereits mittwochs im "Opal Divine" gesehen hatten und mit denen ich mich tags zuvor getroffen hatte. Wir waren uns schnell einig, was einen Deal für das neue Album betrifft. Ich denke, im Mai sind wir soweit, es auf Blue Rose zu veröffentlichen. Diese Band ist wirklich klasse und hebt sich dort deutlich von der Vielzahl an Americana-Bands ab. Die schreiben einfach tolle Ohrwürmer, haben mächtig Power und Sänger Andy hat eine ausdrucksstarke Stimme.


Den Abschluss eines wirklich gelungenen Abends und das Ende des diesjährigen SXSW-Aufenthalts (das Shiner Bock ging tatsächlich einmal nicht aus...) dann nochmal das volle Pfund in Sachen Melodic Roots Rock mit TOM GILLAM'S TRACTOR PULL. Tom Gillam - klar, kennt ihr von den beiden letzten Tourneen von Joseph Parsons. Er hat auch dessen Album The Vagabond Tales mit seinem Gitarrensound veredelt. Bisher hat er 2 Alben veröffentlicht, die aufgrund von zwei Songs, die er während der Parsons-Tour spielte, sehr gut an das begeisterte Publikum verkaufen konnte. Das neue Werk ist fertig und erscheint im Juni auf Blue Rose! Sein "Tractor Pull" hat den Namen zu recht - da steckt ganz schön Druck dahinter, was das Quintett in dem 45-Minuten-Set abliefert. Das hat weniger mit Americana zu tun, das ist schon mehr Rock, gewürzt mit all den schönen Beigaben, die uns immer wieder erfreuen. Nicht neu erfundene Musik, aber einfach gut. Auch hiervon gibt es ein Video - "Never Look Back" ist der Titelsong vom neuen Album.


So, das soll es für dieses Jahr gewesen sein. Sonntags gingen wir traditionell in den "Saxon Pub" zu den RESENTMENTS, die derzeit leider nur zu viert auftreten, da sich Stephen Bruton einer Krebsbehandlung unterziehen muss und die volle Dosis mit Chemo und was alles damit zusammen hängt, über sich ergehen lassen muss. Kurz nach Abschluss der Europatour im Dezember wurde bei ihm Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Zum Glück wurde der Krebs im Frühstadium erkannt, sodass gute Heilungschancen bestehen. Ich habe mir gedacht, wir richten einen kleinen Email-Dienst ein, wo ihr Stephen einen kleinen Gruß und alles Gute ausrichten könnt. Einfach hier anklicken und - bitte in Englisch - eure Genesungswünsche übermitteln. Wir leiten sie dann an ihn weiter.

Zum Abschluss noch einige Links zu Pressemitteilungen in diversen US-Zeitungen zum Thema SXSW 2007, das zwar lange nicht mehr den Charme hat wie in den 90er Jahren, aber dennoch immer wieder eine Reise wert ist. Und durch die unzähligen kostenlosen Parties bei Tag und Nacht muss man sich nicht einmal mehr unbedingt ein Wristband oder gar ein 450 Dollar-Badge kaufen, um eine Woche die volle Musik-Breitseite genießen zu können.

- New York Times
- Austin Chronicle
- Austin American-Statesman


Und zu aller letzt möchten wir euch ein Inserat zeigen, das die Brauerei SHINER (wie mittlerweile bekannt sein dürfte, genießt diese Biersorte der Familie Spoetzl unsere allergrößte Hochachtung, und ohne das Shiner Bock wäre SXSW nur halb so schön) in diversen Magazinen und Tageszeitungen zum Festival geschaltet hatte - für uns ganz klar die Werbung des Jahres! Das braucht man sicher niemandem zu übersetzen. Interessant wäre zu sehen, wie die Angesprochenen reagieren...